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Worauf vertraust du?

January 04, 20268 min read

"Vertraue auf den HERRN mit deinem ganzen Herzen und stütze dich nicht auf deinen Verstand!" - Sprüche 3,5 (ELB)

Matthäus 14,29

Darstellung der Szene in Matthäus 14,29

– so lautet eine weit verbreitete Annahme.

In diesem Sinne bedeutet Glauben lediglich Vermuten oder Meinen, etwa wenn man sagt: „Ich glaube, es wird regnen.“ Dieses Verständnis greift allerdings viel zu kurz, wenn man sich das lateinische credere ansieht. Man kann etwas für wahr halten (credere aliquid), jemandem glauben (credere alicui) oder sich jemandem anvertrauen (credere in).

Besonders diese letzte Bedeutung ist zentral für den christlichen Glauben:

Glaube ist nicht nur eine Meinung, sondern ein persönlicher Vertrauensakt.

Interessanterweise existiert solcher Glaube auch dort, wo man ihn zunächst nicht vermuten würde. Jeder Mensch lebt von einem grundlegenden Vertrauensvorschuss – einem „Credit“. Ohne dieses elementare Vertrauen wären zwischenmenschliche Beziehungen nicht möglich. Liebe, Freundschaft oder Treue lassen sich nicht empirisch messen oder eindeutig beweisen. In entscheidenden Fragen des Lebens bleibt dem Menschen nichts anderes, als zu glauben und zu vertrauen. Erst im Rückblick zeigt sich, ob sich dieses Vertrauen bewährt hat.

Dieses Grundvertrauen ist kein religiöses Sonderphänomen, sondern eine anthropologische Notwendigkeit. Unser Alltag funktioniert nur, weil wir anderen Menschen vertrauen: dem Busfahrer, der Ärztin, den Institutionen unserer Gesellschaft. Selbst Wirtschaft und Finanzmärkte basieren auf Vertrauen – auf der Erwartung, dass Zusagen eingehalten werden und Werte Bestand haben. Glaube und Vertrauen sind damit ein eigenständiger, unverzichtbarer Zugang zur Wirklichkeit, der neben empirischem Wissen steht, ohne ihm zu widersprechen.

Glaube bedeutet nicht Leichtgläubigkeit, sondern die bewusste Entscheidung, Zeugnis, Beziehung und Vertrauen ernst zu nehmen.

Glaube ist kein Ersatz für Wissen, sondern eine grundlegende Haltung des Vertrauens. Er ist tief im menschlichen Leben verankert und bildet eine Voraussetzung für Beziehungen, Gesellschaft und Hoffnung. Gerade dort, wo absolute Gewissheit nicht möglich ist, eröffnet Glaube einen Zugang zur Wirklichkeit, ohne den menschliches Leben nicht gelingen kann.

Die biblische Sprache selbst macht deutlich, dass Glauben mehr ist als ein einzelner Begriff. Im Alten Testament gibt es kein abstraktes Glaubenskonzept, sondern eine ganze Wortwelt, die unterschiedliche Facetten beschreibt: sich festmachen, sich anvertrauen, sich stützen, hoffen, harren. Das hebräische Wort, das oft mit „glauben“ wiedergegeben wird, meint ursprünglich ein Sich-Festmachen an etwas Verlässlichem. Glauben bedeutet hier nicht, eine Aussage für wahr zu halten, sondern Halt zu finden – und sich diesem Halt anzuvertrauen. Glaube ist damit weniger ein inneres Für-wahr-Halten als eine Haltung des Lebens, die sich an Gott orientiert und aus dieser Beziehung heraus handelt.

Die Bibel erzählt von Menschen, die genau dieses Wagnis eingegangen sind.

Menschen des Vertrauens

Abram: Der HERR sagt Ihm in Genesis 12,1-4 dass er sein Land, seine Verwandtschaft und das Haus seines Vaters verlassen soll – in ein Land, dass Gott ihm zeigen wird. Abram geht ohne zu wissen wohin. Der Verfasser des Hebräerbrief thematisiert das auch in Hebräer 11,8: "Durch Glauben war Abraham, als er gerufen wurde, gehorsam, auszuziehen an den Ort, den er zum Erbteil empfangen sollte; und er zog aus, ohne zu wissen, wohin er komme."

Er weiß keine Details und bekommt nur ein "Ich werde..." Gottes. Er vertraut auf den Herrn und zieht los.

Mose wird gerufen, ohne einen Plan zu erhalten. Gott erklärt ihm nicht, wie der Weg aussehen wird, sondern gibt ihm in 2.Mose 3,12 eine Zusage: "Ich werde mit dir sein." Mose geht nicht, weil er weiß, wie es ausgehen wird, sondern weil er sich auf diesen Ruf einlässt. Das Volk Israel folgt. Es zieht aus Ägypten in die Wüste, nicht auf dem kürzesten oder sichersten Weg, sondern geführt durch Mose, Schritt für Schritt, ohne Überblick.

Die Wüste wird so zum Ort des Lernens: Israel geht nicht, weil der Weg einsichtig wäre, sondern weil es vertraut, bevor es versteht. Glaube zeigt sich hier nicht als Wissen über das Ziel, sondern als Bereitschaft, sich führen zu lassen. Erst im Gehen wird sichtbar, was trägt.

Jesus ruft Menschen in seine Nachfolge und erklärt ihnen vorher nicht, was sie erwartet. Die ersten Jünger lassen ihre Netze zurück (Markus 1,16-20) und folgen ihm, ohne zu wissen, wohin der Weg sie führen wird. Petrus sagt in Johannes 6,69 "wir haben geglaubt und erkannt, dass du der Heilige Gottes bist." Nachfolge zeigt sich hier nicht als Gewissheit, sondern als Vertrauen in die Person Jesu.

Dieses Vertrauen fordert Jesus nicht nur ein, er lebt es selbst.

Johannes 5,19 zeigt seine Haltung, selbst vollkommen auf Gott zu Vertrauen, indem er sagt "Der Sohn kann nichts von sich selbst tun, außer was er den Vater tun sieht; denn was der tut, das tut ebenso auch der Sohn."

Viele Stellen der Evangelien zeigen, wie tief sein Vertrauen in den Vater reicht. Besonders eindrücklich wird dies im Garten Getsemani. In Lukas 22,42 betet Jesus: "Vater, wenn du willst, nimm diesen Kelch von mir weg – doch nicht mein Wille, sondern der deine geschehe!". Jesus hat Angst, er ringt, und doch übergibt er sich dem Willen des Vaters. Dieses Vertrauen trägt ihn bis zuletzt. Am Kreuz betet er: "Vater, in deine Hände übergebe ich meinen Geist! Und als er dies gesagt hatte, verschied er." (Lukas 23,46)

Hier zeigt sich Vertrauen in seiner radikalsten Form: nicht als Sicherheit, sondern als Loslassen.

Zwischen Wissen und Glauben

Petrus ist ein gutes Beispiel, dass wir betrachten können. Er befindet sich in Gemeinschaft der Jünger auf dem See Genezareth. Es ist stürmisch. In dieser berühmten Stelle geht Jesus auf dem Wasser zu ihnen. Sie erschrecken sich und denken es ist ein Geist.

Petrus ruft: "Herr, wenn du es bist, so befiehl mir, auf dem Wasser zu dir zu kommen!" (Matthäus 14,28)

Als Petrus aus dem Boot steigt, tut er etwas, das seinen Möglichkeiten eigentlich widerspricht. Er geht Jesus entgegen, nicht weil er versteht, wie das geschehen kann, sondern weil er ihm vertraut. Solange dieses Vertrauen trägt, geht er. Doch dann richtet sich sein Blick auf den Wind und die Wellen, auf das, was sich berechnen lässt und Angst macht. In dem Moment setzt der Verstand ein – und Petrus beginnt zu sinken. Nicht, weil Vertrauen naiv wäre, sondern weil es sich plötzlich nicht mehr auf die Person Jesu stützt, sondern auf das, was er sieht und einschätzen kann.

Petrus steht damit exemplarisch für viele Glaubenswege: Wir wagen Schritte im Vertrauen, und mitten darin wird uns bewusst, wie unsicher unser eigener Grund eigentlich ist. Doch selbst im Sinken bleibt Petrus nicht allein. Er ruft, und Jesus ergreift ihn.

Ungeteilt

Sprüche 3,5 richtet sich an ganz normale Menschen wie dich, mich oder Petrus: „Vertraue auf den HERRN mit deinem ganzen Herzen und stütze dich nicht auf deinen Verstand!“ Damit wird der Verstand nicht abgewertet. Er ist notwendig, hilfreich, von Gott gegeben. Aber er hat seine Grenze.

Der Vers spricht genau diesen Punkt an, an dem wir beginnen zu teilen: Hier vertraue ich Gott – und dort verlasse ich mich lieber auf mich selbst. In manchen Bereichen unseres Lebens wagen wir Vertrauen, in anderen meinen wir uns abzusichern, rechnen nach, wollen die Kontrolle behalten. So entsteht ein halbes Vertrauen. Der Vers spricht nicht von: Ein bisschen Herz oder halbherzig.

Er spricht:

Mit deinem ganzen Herzen.

Vertrauen mit dem ganzen Herzen heißt, Gott nicht nur dort zu vertrauen, wo sein Handeln sich mit unserem Verstehen deckt. Sich nicht auf den eigenen Verstand zu stützen bedeutet nicht, ihn abzuschalten, sondern ihn nicht zum letzten Maßstab zu machen. Glaube wird hier als Haltung beschrieben, die den Mut hat, sich tragen zu lassen, auch dort, wo der Boden nicht mehr sichtbar ist.

Der HERR ist deine Stütze - nicht dein Verstand. Das ist Gottvertrauen.

festmachen.

Am Ende zeigt sich, dass Glauben in der Bibel nie am Anfang steht, sondern immer eine Antwort ist. Abraham vertraut, weil Gott ihn ruft.

Mose geht, weil Gott sich ihm zeigt. Die Jünger folgen, weil Jesus ihnen begegnet. Und selbst Jesus lebt aus dem Vertrauen auf den Vater, dessen Nähe er kennt.

Deswegen schreibt Paulus in Römer 10,17, dass der Glaube aus dem Hören kommt. Nicht weil der Mensch etwas hervorbringt, sondern weil er angesprochen wird. Glauben beginnt dort, wo ein Wort uns erreicht – und wir darauf antworten.

Glauben ist keine menschliche Leistung, kein Mut aus dem Nichts, sondern die Reaktion auf ein bereits geschehenes Wort, auf ein Handeln Gottes, das dem Menschen vorausgeht.

Von hier aus wird verständlich, warum dein Glauben immer auch das ganze Leben betrifft. Denn niemand lebt ohne Vertrauen. Jeder Mensch richtet sein Leben auf etwas aus, dem er Sicherheit zuspricht. Manche vertrauen auf Geld und wirtschaftliche Stabilität, andere auf das eigene Können, auf Beziehungen, auf Technik, auf Fortschritt oder Kontrolle. Doch all diese Sicherheiten sind fragil. Sie können tragen – und sie können scheitern. Die Geschichte der Menschheit erzählt davon immer wieder.

Absolute Sicherheit bleibt eine Illusion.

Vor diesem Hintergrund erscheint Gottvertrauen nicht naiv oder weltfremd. Es ist nicht weniger vernünftig, sich Gott anzuvertrauen, als sich auf Systeme zu verlassen, die immer wieder an ihre Grenzen stoßen. Glauben heißt nicht, die Wirklichkeit zu verdrängen, sondern sich bewusst zu entscheiden, worauf man sein Vertrauen setzt.

Nicht ob wir vertrauen, sondern wem.

Vielleicht ist das die Frage, die am Ende dieses Weges stehen bleibt: Worauf stütze ich mein Leben?

Und was trägt mich, wenn das, was mir Sicherheit in dieser Welt verspricht, ins Wanken gerät?

Gott.

Theologiestudent / Erzieher

Florentin Stemmer

Theologiestudent / Erzieher

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