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Ursprung und Ziel

March 20, 20267 min read

Am Anfang war das Wort; das Wort war bei Gott, und das Wort war Gott. Der, der das Wort ist, war am Anfang bei Gott. Durch ihn ist alles entstanden; es gibt nichts, was ohne ihn entstanden ist.

- Johannes 1, 1-2 (NGÜ)

Johannes 1, Johannes Prolog


Als ich in meinem Hauskreis über den Prolog des Johannesevangeliums gesprochen habe, ist mir neu bewusst geworden, wie sinnvoll es ist, diese Zeilen einmal in Ruhe zu betrachten. Nicht nur, weil sie eine besondere Schönheit und Tiefe in sich tragen, sondern weil sie einen zentralen Schlüssel zum Verständnis Jesu enthalten.

In diesen wenigen Versen verbindet Johannes Anfang und Ende, Ursprung und Ziel. Er führt uns an einen Punkt, von dem aus sich vieles neu ordnet. Weil mir das in meinem Glaubensverständnis enorm geholfen hat, möchte ich das hier mit dir teilen.

Das Wort

steht in diesen Zeilen im Mittelpunkt. Deshalb lohnt es sich, gleich zu Beginn genauer hinzusehen, was mit diesem „Wort“ gemeint ist. Johannes schreibt auf Griechisch – in einer Zeit, in der diese Sprache und Denkweise prägend sind. Wer verstehen will, was er sagt, muss sich also auch auf die Bedeutungswelt einlassen, in der er schreibt.

"Ἐν ἀρχῇ ἦν ὁ λόγος - En archē ēn ho logos - Am Anfang war das Wort."

Im griechischen Urtext verwendet Johannes das Wort Logos. Dieses geht in seiner Bedeutung weit über das hinaus, was wir im Alltag unter einem "Wort" verstehen. Im damaligen kulturellen Kontext meint Logos mehr als gesprochene Sprache. Es bezeichnet den Sinn, die Ordnung und das tragende Prinzip, das allem zugrunde liegt – eine Wirklichkeit, die allem zugrunde liegt und alles zusammenhält.

Es geht Johannes hier also nicht um ein gesprochenes Wort, sondern um den Grund, den Sinn, das Prinzip, das alles trägt.

Und genau dieses Logos wendet Johannes auf Jesus an. Er schreibt:

"Er, der das Wort ist, wurde ein Mensch von Fleisch und Blut und lebte unter uns. Wir sahen seine Herrlichkeit, eine Herrlichkeit voller Gnade und Wahrheit, wie nur er als der einzige Sohn sie besitzt, er, der vom Vater kommt." (Joh 1,14 - NGÜ)

Neben dem „Wort“ lohnt es sich auch, auf den Anfang selbst zu achten. Im griechischen Text steht hier das Wort ἀρχή (archē). Oft wird es einfach mit „Anfang“ übersetzt – und das ist nicht falsch. Doch auch dieses Wort trägt mehr in sich. Archē meint nicht nur einen zeitlichen Beginn, wie den ersten Moment einer Abfolge. Es bezeichnet auch den Ursprung, den Grund, von dem her etwas überhaupt ist.

Wenn Johannes also schreibt: „Im Anfang war der Logos“, dann meint er nicht nur einen Punkt am Beginn der Zeit. Er spricht vom Ursprung aller Wirklichkeit. Von dem, was allem zugrunde liegt.

Was sagt die Schrift selbst über diesen Anfang?

Der Urgrund

Wenn wir nun an den Anfang zurückgehen, begegnen wir genau diesen Worten:

„Im Anfang schuf Gott den Himmel und die Erde.“ (Genesis 1,1 – ELB)

Das ist der Anfang, von dem Johannes spricht. Nicht ein beliebiger Beginn, sondern der Ursprung von allem. Und Johannes macht deutlich: In diesem Anfang war der Logos bereits da. Er steht nicht am Anfang der Schöpfung – er ist im Ursprung selbst.

Dieser Logos bleibt nicht verborgen. Er tritt in Erscheinung.

„Und Gott sprach: Es werde Licht! Und es wurde Licht.“ (Genesis 1,3 – ELB)

Gott spricht.

Die Schöpfung geschieht nicht einfach zufällig, sondern bewusst im Aussprechen. Hier begegnet uns genau das, was Johannes "Logos" nennt – in dem Moment, in dem Gott spricht: "Es werde..."

Genau davon spricht Johannes, wenn er sagt: „Durch ihn ist alles entstanden“ (Joh.1, 3 NGÜ).

Jesus Christus

Wenn Johannes schreibt: „Das Wort war bei Gott“, dann bleibt das nicht eine abstrakte Aussage. Tatsächlich finden wir genau diese Spur auch in den Worten Jesu. Im Johannesevangelium betet er:

"Und nun, Vater, gib mir, wenn ich wieder bei dir bin, von neuem die Herrlichkeit, die ich schon vor der Erschaffung der Welt bei dir hatte." (Joh. 17,5 NGÜ)

Hier spricht Jesus von einer Wirklichkeit vor aller Schöpfung. Von einer Nähe zum Vater, die nicht erst entsteht, sondern bereits da ist und war.

Mir fällt hier direkt eine poetische Stelle aus dem ersten Testament ein, die auf erstaunliche Weise anklingen lässt, was Johannes später entfaltet.

Im Buch der Sprüche heißt es über die Weisheit:

"Von Ewigkeit her war ich eingesetzt, von Anfang an, vor den Uranfängen der Erde (...). Als er den Himmel feststellte, war ich dabei. Als er einen Kreis abmaß über der Fläche der Tiefe (...) da war ich Schoßkind bei ihm und war seine Wonne Tag für Tag, spielend vor ihm allezeit." (Sprüche 8, 22-31 ELB)

Diese Worte sprechen zunächst von der Weisheit – nicht von einer Person im späteren Sinn, sondern von einer Wirklichkeit, die von Anfang an bei Gott ist, die ihm nahe ist und an seinem Schaffen teilhat.

Und doch ist es kaum zu übersehen, wie nahe diese Beschreibung an das heranreicht, was Johannes über den Logos sagt:

eine Wirklichkeit, die vor aller Schöpfung ist, die bei Gott ist und durch die alles entsteht.

Die christliche Tradition hat diese Stelle deshalb immer wieder im Licht Christi gelesen – nicht als direkten Beweis, sondern als eine Spur. Als eine Andeutung dessen, was sich im Logos schließlich ganz offenbart.

Auch Paulus greift diesen Gedanken auf und spricht mit erstaunlicher Klarheit darüber, wer Christus ist:

„Denn durch ihn wurde alles erschaffen, was im Himmel und auf der Erde ist (…) Alles ist durch ihn und auf ihn hin geschaffen.“ (Kolosser 1,16 NGÜ)

Und weiter:

„Er war vor allem anderen da, und alles besteht durch ihn.“ (Kolosser 1,17 (NGÜ)

Paulus spricht von Christus als dem Ursprung und Ziel der Schöpfung. Alles, was ist, steht in Beziehung zu ihm. Was Johannes im Bild des Logos entfaltet, spricht Paulus in direkter Sprache aus:

Christus ist nicht Teil der Schöpfung – er steht vor ihr. Und alles, was existiert, besteht durch ihn.

Auch der Verfasser des Hebräerbriefes greift diesen Gedanken auf – und führt ihn noch einmal zusammen:

„Jetzt aber hat Gott durch seinen Sohn zu uns gesprochen. Durch ihn hat er die Welt erschaffen (…) Er ist der unverfälschte Ausdruck seines Wesens und trägt alles durch die Kraft seines Wortes.“ (Hebräer 1,2–3 NGÜ)

Hier wird deutlich: Das Wort steht nicht nur am Anfang der Schöpfung. Es bleibt nicht bei einem einmaligen „Es werde“.

Durch die Kraft seines Wortes trägt er das ganze Universum.

Was im Anfang ins Dasein gerufen wurde, bleibt nicht sich selbst überlassen. Es wird gehalten. Getragen. In seinem Sein bewahrt.

Und dieses tragende Wort ist nicht etwas Abstraktes - es ist Jesus Christus.

Das zeigt sich auch darin, wenn Jesus nicht nur von einer Existenz vor der Schöpfung spricht. An einer Stelle geht er noch weiter und sagt:

"Ich versichere euch: "Bevor Abraham geboren wurde, bin ich." (Joh 8,58 NGÜ)

Damit entzieht er sich jeder zeitlichen Einordnung. Seine Existenz beginnt nicht – sie ist. Dass diese Worte mehr sind als eine ungewöhnliche Formulierung, zeigt die Reaktion seiner Zuhörer: Sie wollen ihn steinigen. Sie verstehen, was hier gesagt wird.

"Ich bin, der ich bin" (2. Mose 3,14 ELB)

Eins

Wenn Johannes schreibt: „Und das Wort war Gott“, dann ist das keine vorsichtige Annäherung. Es ist eine klare Aussage. Wenn wir schauen, was Jesus selbst sagt, bestätigt das diese Linie:

„Ich und der Vater sind eins.“ (Joh 10,30 NGÜ)

Dieser Satz ist schlicht – und zugleich kaum zu übergehen. Jesus spricht nicht nur von Nähe, nicht nur von Übereinstimmung oder Auftrag. Er spricht von Einheit.

Damit berührt er genau das, was Johannes im Prolog in Worte fasst. Das Wort ist nicht nur bei Gott – es ist nicht von ihm getrennt. Es gehört zu ihm. Es ist von seinem Wesen.

Und in beiden Fällen geht es nicht um eine Idee, sondern um eine Wirklichkeit:

Der, durch den alles ist, steht nicht außerhalb Gottes. Er ist in ihm – und mit ihm – eins.

Deswegen sagt Jesus: "Wer mich gesehen hat, hat den Vater gesehen." (Joh 14,9 NGÜ)

Der Kreis

Der Logos, durch den alles geworden ist, steht nicht nur am Ursprung der Schöpfung. Er trägt sie – und er führt sie.

Am Ende der Schrift spricht Christus selbst:

"Ich bin das Alpha und das Omega, der Erste und der Letzte, der Anfang und das Ende." (Offenbarung 22,13)

Hier schließt sich, was am Anfang eröffnet wurde.

Der, der im Ursprung ist, steht auch am Ziel. Der, durch den alles ins Dasein kam, ist derselbe, auf den alles hinläuft. Anfang und Ende sind nicht voneinander getrennt – sie gehören zusammen.

Und vielleicht ist das der tiefere Sinn dessen, was Johannes uns im Prolog zeigt:

Dass Ursprung und Ziel in Gott selbst eins sind.

Theologiestudent / Erzieher

Florentin Stemmer

Theologiestudent / Erzieher

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