Kreis Gottes | Bewegung

Sich verschenken

April 10, 202610 min read

"Denn so hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen einzigen Sohn gab, damit jeder, der an ihn glaubt, nicht verloren geht, sondern ewiges Leben hat."

Johannes 3,16 (ELB)

Kreistanz der Liebe

Was ist Liebe?

Ich habe schon oft gedacht, ich wüsste, was Liebe bedeutet. Immer wieder kommt der Mensch in seinem Leben an einen Punkt, an dem er glaubt: Jetzt habe ich es verstanden.

Als Kind wird Liebe zunächst passiv erfahren. Man wird getröstet, versorgt und getragen. Liebe bedeutet, sicher und geborgen zu sein. Das Kind empfängt – und macht dabei eine zutiefst reale Erfahrung von Liebe, ohne sie schon verstehen zu können.

In der Jugend verändert sich dieses Bild. Liebe wird als Gefühl von Intensität erlebt: Sehnsucht, Verliebtheit, Aufregung. Man möchte gesehen und verstanden werden. Oft denkt man: Dieses innere Brennen – das ist Liebe. Und was man spürt, ist auch echt. Aber es ist noch nicht tragfähig.

Später, als junger Erwachsener, beginnt sich etwas zu verschieben. Man merkt: Liebe ist nicht nur Gefühl – sie kostet. Man übernimmt Verantwortung, bleibt dran, investiert, lernt die Bedeutung von Kompromissen und Verlässlichkeit. Das Verständnis wird reifer. Und doch bleibt Liebe oft noch innerhalb von Grenzen, die man selbst setzt.

In Freundschaften und in der Familie wird diese Grenze weiter herausgefordert. Man lernt, dass Liebe auch bedeutet, Lasten mitzutragen, Geduld zu haben, zurückzustecken und da zu sein, selbst wenn nichts zurückkommt. Liebe wird ernster. Sie ist nicht mehr nur schön – sie trägt.

Und dann gibt es diesen Moment...

Wenn ein eigener Mensch ins Leben tritt – ein Kind – verschiebt sich etwas grundlegend. Liebe ist nicht mehr nur das, was ich fühle oder tue. Sie wird zu dem, was ich bin – für den anderen. Der Mittelpunkt verändert sich. Das Eigene tritt zurück.

Man würde alles geben.

Hier versteht der Mensch zum ersten Mal mit existentieller Wucht: Liebe ist nicht zuerst Gefühl, sondern Selbsthingabe.

Liebe ist bedingungsloses Sich-Verschenken

In dieser elterlichen Liebe wird etwas sichtbar von dem, was es bedeutet, dass Gott sich selbst in seinem Sohn für die Menschheit hingibt.

Paulus schreibt:

Liebe ist geduldig, Liebe ist freundlich. Sie kennt keinen Neid, sie spielt sich nicht auf, sie ist nicht eingebildet. Sie verhält sich nicht taktlos, sie sucht nicht den eigenen Vorteil, sie verliert nicht die Beherrschung, sie trägt keinem etwas nach. Sie freut sich nicht, wenn Unrecht geschieht, aber wo die Wahrheit siegt, freut sie sich mit. Alles erträgt sie, in jeder Lage glaubt sie, immer hofft sie, allem hält sie stand. (1. Korinther 13, 4-7)

Liebe ist in Bewegung

Seit ich Vater geworden bin, hat sich mein Verständnis von Liebe verändert. Nicht theoretisch, sondern ganz konkret. Ich sehe, wie Liebe sich bewegt – wie sie sich nicht bei sich selbst halten lässt. Sie geht von mir aus, sie richtet sich auf mein Kind, sie gibt sich hin. Und gerade darin bleibt sie lebendig.

Vielleicht ist das der Punkt, an dem sich etwas von dem erschließt, was wir von Gott sagen: dass er sich schenkt. Dass der Vater sich im Sohn gibt. Dass das Wort nicht bei sich bleibt, sondern hinausgeht.

Liebe kann nicht festgehalten werden.

In dem Moment, in dem sie nur bei mir bleiben soll, verliert sie ihr Wesen. Sie kann nicht besessen werden. Wirkliche Liebe geschieht anders. Sie gibt sich.

Martin Buber bringt das auf eine Weise zum Ausdruck, die kaum klarer sein könnte:

"Die Liebe haftet dem Ich nicht an, so daß sie das Du nur zum »Inhalt«, zum Gegenstand hätte; sie ist zwischen Ich und Du."

und weiter schreibt er:

"Liebe ist Verantwortung eines Ich für ein Du: hierin besteht, die in keinerlei Gefühl bestehen kann, die Gleichheit aller Liebenden, vom kleinsten bis zum größten und von dem selig Geborgnen, dem sein Leben in dem eines geliebten Menschen beschlossen ist, zu dem lebelang ans Kreuz der Welt Geschlagnen, der das Ungeheure vermag und wagt: die Menschen zu lieben."

Der Ursprung der Liebe

Wenn wir versuchen, diese Bewegung der Liebe zu verstehen, stoßen wir irgendwann an eine Grenze. Denn was wir im Kleinen erleben – dass Liebe sich verschenkt und über sich hinausgeht – scheint im Glauben selbst im Ursprung der Wirklichkeit zu liegen.

Der Theologe Karl Rahner beschreibt genau diese Bewegung, wenn er über Gott spricht:

„Gott geht aus sich, er selber, er als die sich wegschenkende Fülle.“

Er schreibt: "Indem er sich selbst entäußert und deswegen natürlich in der Entäußerung selber ist, erschafft er. Er erschafft die menschliche Wirklichkeit, indem er sie selber als die seine annimmt."

Rahner versucht damit auszudrücken: Gott schafft die Welt nicht wie ein Handwerker ein Werkstück. Schöpfung ist für ihn kein bloßer Akt der Macht, sondern eine Bewegung der Hingabe. Gott hält sich nicht zurück – er geht aus sich heraus.

Vielleicht lässt sich deshalb sagen: Die Welt selbst ist bereits Ausdruck dieser Bewegung. Sie ist Raum dafür, dass Gott sich mitteilt. Rahner nennt sie einmal „die Grammatik einer möglichen Selbstaussage Gottes“.

Wenn Rahner recht hat – wenn Liebe im Ursprung Gottes selbst liegt und Gott nicht bei sich bleibt, sondern sich verschenkt –, dann stellt sich eine entscheidende Frage: Wie wird diese Liebe sichtbar?

Die Schrift erzählt von einer langen Geschichte, in der Gott sich seinem Volk immer wieder zeigt und mitteilt. Doch im christlichen Glauben erreicht diese Bewegung einen Höhepunkt:

Sie begegnet uns in einer Person.

Jesus Christus

ist in seinem Leben das vielleicht klarste Bild dieser Hingabe. Seine Liebe bleibt nicht Theorie. Sie wird sichtbar in seinem Dienst, in seiner Nähe zu den Menschen – und sie erreicht ihre äußerste Konsequenz in seinem Weg bis zum Kreuz.

Doch damit endet diese Bewegung nicht. Im Gegenteil: Jesus macht deutlich, dass diese Liebe weitergehen soll. Sie soll nicht bei ihm stehen bleiben.

Im Johannesevangelium sagt er zu seinen Jüngern:

„Ich gebe euch ein neues Gebot: Liebt einander! Ihr sollt einander lieben, wie ich euch geliebt habe.“ (Joh 13,34)

Hier wird etwas Entscheidendes sichtbar. Die Liebe, die von Gott ausgeht und im Leben Jesu Gestalt annimmt, wird nicht einfach bewundert oder erinnert. Sie wird weitergegeben. Das, was Jesus selbst lebt, soll nun zwischen Menschen Wirklichkeit werden.

Nur wenige Kapitel später greift er diesen Gedanken noch einmal auf und verbindet ihn mit dem Ursprung dieser Liebe:

„Wie mich der Vater geliebt hat, so habe ich euch geliebt. Bleibt in meiner Liebe!“ (Joh 15,9–12)

In diesen Worten wird die Bewegung deutlich: Die Liebe fließt vom Vater zum Sohn – und vom Sohn zu den Menschen. Doch auch hier bleibt sie nicht stehen. Wer in dieser Liebe bleibt, gibt sie weiter.

Nach seiner Auferstehung spricht Jesus schließlich einen Satz, der diese Dynamik noch einmal auf den Punkt bringt:

„Wie der Vater mich gesandt hat, so sende ich jetzt euch.“ (Joh 20,21)

Die Bewegung der Hingabe setzt sich fort. Was beim Vater beginnt und im Sohn sichtbar wird, geht nun weiter in die Welt.

Die Liebe bleibt nicht bei sich selbst stehen. Sie wird weitergegeben.

Identität als Geschenk

Im Johannesevangelium finden wir ein langes Gebet, das Jesus kurz vor seinem Abschied spricht. Dort wendet er sich an den Vater und bittet nicht nur für sich selbst, sondern für die Menschen, die ihm anvertraut sind. Und in diesem Gebet fällt ein Satz, der das Wesen dieser Liebe noch einmal in einer anderen Weise sichtbar macht:

"Die Herrlichkeit, die du mir gegeben hast, habe ich nun auch ihnen gegeben, damit sie eins sind, so wie wir eins sind." (Joh 17,22)

Jesus gibt nicht einfach Worte weiter oder eine neue religiöse Ordnung. Er spricht davon, dass das, was er selbst vom Vater empfangen hat, nun weitergegeben wird.

So wie der Vater sich im Sohn schenkt, so gibt der Sohn weiter, was er empfangen hat. Die Beziehung, die ihn mit dem Vater verbindet, soll auch in den Menschen Raum gewinnen. Deshalb betet er, dass sie eins seien – so wie er und der Vater eins sind.

Liebe zeigt sich hier nicht als etwas, das festgehalten werden kann. Sie bleibt nur lebendig, indem sie weitergegeben wird. Sie geht von Gott zum Menschen – und von dort weiter.

Vielleicht liegt genau darin ihr tiefstes Wesen: dass sie sich mitteilt, dass sie sich verschenkt und dass sie nicht aufhört, sich zu verschenken.

Diese Bewegung zeigt sich auch in einer anderen Aussage Jesu. An einer Stelle sagt er von sich selbst: „Ich bin das Licht der Welt.“ Und wenig später hören wir ihn sagen: „Ihr seid das Licht der Welt.“

Auch hier bleibt das, was er ist, nicht bei ihm stehen. Es wird weitergegeben.

Nach seiner Auferstehung begegnet Jesus seinen Jüngern und tut etwas, das auf den ersten Blick seltsam wirkt, aber eine tiefe Bedeutung trägt. Das Johannesevangelium berichtet:

„Dann hauchte er sie an und sagte: Empfangt den Heiligen Geist.“ (Joh 20,22)

Dieses Bild erinnert an den Anfang der Schöpfung, als Gott dem Menschen den Atem des Lebens einhaucht. Damals wird der Mensch durch Gottes Atem zu einem lebendigen Wesen. Jetzt geschieht etwas Ähnliches – doch diesmal geht es um mehr als den Anfang des menschlichen Lebens. Jesus gibt seinen Jüngern Anteil an dem Leben, das von Gott kommt. Was der Sohn vom Vater empfangen hat, bleibt nicht bei ihm. Er gibt es weiter.

Die Bewegung der Liebe, von der wir gesprochen haben, setzt sich fort. Sie bleibt nicht in der Beziehung zwischen Vater und Sohn eingeschlossen, sondern öffnet sich auf die Menschen hin.

Im zweiten Petrusbrief schreibt der Apostel, "dass uns Gottes Verheißungen geschenkt sind, damit ihr Anteil an der göttlichen Natur bekommt“ (2 Petr 1,4).

Hier wird gut sichtbar, worauf diese ganze Bewegung hinausläuft: Gott behält sein Leben nicht für sich. Er teilt es. Die Liebe, die von ihm ausgeht, will nicht nur bewundert oder verstanden werden – sie will Menschen daran teilhaben lassen.

Eine Kreis-Bewegung

Wenn Liebe sich verschenkt, wenn sie sich mitteilt und weitergibt, dann bleibt sie nicht stehen – sie bewegt sich.

Der franziskanische Theologe Richard Rohr beschreibt dieses Geheimnis einmal so:

„Was immer in Gott geschieht, ist ein Durchströmen, ein Ineinanderfließen, eine radikale Verbindung, eine vollkommene Gemeinschaft dreier Wesen – ein Kreistanz der Liebe. Aber Gott ist nicht nur der Tänzer, er ist der Tanz selbst.“

Ein Kreistanz ist in Bewegung, er funktioniert nur in Gemeinschaft. Er kann nicht besessen oder festgehalten werden. Er ist ein Strom, ein Weitergeben, ein Ineinanderfließen. Und wir sind hineingenommen in diesen Kreislauf der Liebe, in dem Gott sich selbst verschenkt – und alles seinen Ursprung und sein Ziel findet.

Am Anfang dieser Betrachtung steht ein Vers, der vielen vertraut ist:

„Denn so hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen einzigen Sohn gab…“

Im griechischen Urtext steht hier das Wort ἔδωκενedōken. Es bedeutet schlicht: er gab. Doch dieses Geben ist mehr als ein einmaliger Akt. Es ist der Anfang einer Bewegung. Gott gibt. Der Sohn gibt weiter. Der Geist wird gegeben. Und Menschen werden hineingenommen in diese Bewegung des Weitergebens.

Vielleicht zeigt sich gerade darin das Wesen dieser Liebe: Sie bleibt nicht bei sich selbst stehen. Sie hält nichts fest. Sie fließt weiter. Vom Vater zum Sohn, vom Sohn zum Menschen – und von dort wieder weiter in die Welt.

Lebendiger Glaube lebt von der Bewegung der Liebe!

Der Kreis vollzieht sich im Geben. In diesem Weiterreichen des Lebens, das von Gott ausgeht. Und vielleicht bedeutet glauben genau das: Teil dieses Kreislaufs zu werden – in dem die Liebe nicht aufhört zu fließen.


Sofern nicht anders gekennzeichnet wird für Zitate aus der Bibel die Neue Genfer Übersetzung verwendet.

Zitate von Martin Buber aus dem Buch "Ich und Du"

Zitate von Karl Rahner aus dem Buch "Grundkurs des Glaubens"

Theologiestudent / Erzieher

Florentin Stemmer

Theologiestudent / Erzieher

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